Hammer Film Edition

Studiocanal liefert uns hier eine nette kleine Box mit Hammer Filmen aus den Siebzigern. Für viele nicht gerade die favorisierte Zeit, da die Blütezeit der Firma längst vorüber war. Aber auch keine uninteressante Zeit, da der sinkende Erfolg zum Experimentieren zwang und die Filme teils mehr Blut, Nacktheit und Humor als je zuvor enthielten, was manchmal funktionierte, manchmal auch sehr albern und selbstzweckhaft ausfiel.


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Herbert Westenstein: Turtle Re-Animator

In Frankensteins Schrecken lernen wir den jungen Frankenstein kennen, der genial wie skrupellos ist. So entledigt er sich früh seines Vaters, um dessen Vermögen und Besitz zu erben und endlich studieren zu können. Zurück im Schloss kann er nun ungestört grausige Experimente wagen und übernimmt auch andere Pflichten seines Vaters, wie die Hausmagd zu knattern.
Irgendwann begnügt er sich nicht mehr mit ausgebuddelten Leichenteilen für sein Monster und sorgt selbst für frische Ersatzteile. Die zunehmende Anzahl verschwundener Personen bleibt nicht unbemerkt. Auch die Hausmagd ahnt etwas und versucht, ihn zu erpressen…

Ralph Bates macht einen guten Job als psychopathischer Frankenstein, nicht gerade sympathisch – was auch nicht intendiert ist –, doch auch nicht gänzlich ohne Charme und immer höchst amüsant zu beobachten. Einzig das Monster entpuppt sich optisch wie inhaltlich als Enttäuschung – doch der Schwerpunkt liegt ohnehin auf dem eigentlichen Monster dieses Films: Frankenstein selbst.
Ein außergewöhnlich zynischer Hammer Film. Nicht umsonst wird er in der Bonus-Featurette mehrmals als Black Comedy bezeichnet. Erfrischend fies und recht unterhaltsam – ein guter Start. 6 / 10

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Anwärter für den stylischsten Nebendarsteller.

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„Hallo. I bims wieder. Hat zufällig jemand Augentropfen dabei?“

Dracula – Nächte des Entsetzens beginnt klassisch mit der Ansicht auf Draculas Schloss – anscheinend haust er in einem Gemälde. Ernsthaft? Für die Außenansicht auf Frankensteins Schloss verwendete man noch die Aufnahme eines realen Schlosses… Jedenfalls wird Big D zum x-ten mal wiedererweckt, diesmal mit Hilfe einer putzigen, wonneproppigen Fake-Fledermaus, die zur Belustigung des Zuschauers im Verlauf des Films noch weitere Auftritte absolvieren darf. Dann naht auch schon der obligatorische Mob und zündet das Schloss an. Dracula überlebt den Anschlag natürlich und wartet in seiner halben Ruine, zusammen mit seinem Sklaven, auf Besuch/Nahrung.
Das erste Opfer lässt auch nicht lange auf sich warten; ein unbedarfter Draufgänger, der flüchten musste, weil er mit der Tochter des Bürgermeisters (der übrigens ein Verwandter von Louis de Funès sein könnte) ertappt wurde. Doch sein Bruder bemerkt sein Verschwinden und ist ihm auf der Spur. Kann er rechtzeitig zu Hilfe eilen?

Ein kruder und billiger Streifen mit einigen ungewollten Lachern, einige meiner Highlights sind die abweisenden Dörfler, die selbst für Horrorstandards aufgesetzt aggressiv abweisend agieren und das Klischee fast schon parodieren, die miserabel eingebaute Nacktszene relativ am Anfang, und das grottige Finale. Aber es ist ebenso ein ungewöhnlich brutaler Film; wie Dracula mehrfach auf eine Frau einsticht, hatte man zuvor sicher noch nie gesehen. Insgesamt punktet er aber hauptsächlich mit Trash-Appeal. 5,5 / 10

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*nommnomm*

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Die finden ihn nie…

In Doktor Jekyll & Schwester Hyde forscht besagter Doktor an einem Allheilmittel. Eine Aufgabe, die mehr als ein Leben lang dauern wird. Aber, wie er praktischerweise herausfindet, wirken die Hormone junger Frauen lebensverlängernd, als Nebenwirkung verändert sich jedoch das Geschlecht der getesteten männlichen Fliege. Und unpraktischerweise lassen sich die Hormone nur aus frisch Verstorbenen gewinnen. Der Nachschub aus dem Leichenschauhaus lässt allerdings auf sich warten, also muss da ein wenig nachgeholfen werden.
Schon bald testet er sein Wunderserum an sich selbst und – Überraschung – verwandelt sich daraufhin in einen sexy Vamp. Die Verwandlung hält nur kurzzeitig an, doch droht Hyde immer häufiger und länger von Jekylls Körper Besitz zu ergreifen – und dann ist da noch die Polizei, die ihm im Nacken sitzt…

Ja, der Stoff wurde schon hundertfach wiedergekäut, doch Brian Clemens (Captain Cronos) hat daraus ein cleveres wie kurzweiliges Drehbuch voll von Ironie und Anspielungen auf reale Kriminalfälle des 19. Jahrhunderts (Burke & Hare, Jack the Ripper) gezaubert. Selbst Regie-Routinier Roy Ward Baker wirkt deutlich inspirierter als zuletzt beim Dracula oberhalb und sorgt für einige schöne Szenen. Mit Ralph Bates, schon aus Frankenstein bekannt, und Martine Beswick hat man eine passende Besetzung gefunden, die beiden sehen sich tatsächlich ähnlich. Die Verwandlung wurde recht simpel aber effektiv geregelt, ohne exzessiv auf Tricktechnik zu setzen, die eh nur cheesy ausgesehen hätte. Eine Perle unter den späten Hammerfilmen. 7 / 10

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The joys of womanhood.

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Die blutige „Mumie“.

In Grab der blutigen Mumie leidet Margaret unter wiederkehrenden Alpträumen, diese drehen sich um ein merkwürdiges Ritual im alten Ägypten, bei der einer mysteriösen Frau, die aussieht wie Margaret, die Hand abgehackt wirkt. Wie sich herausstellt, handelt es sich bei dieser Frau um Tera, einem gefährlichen und mächtigen Wesen, und durch das Ritual wurde sie in eine Art Schlummer versetzt.
Margarets Vater, der Archäologe Julian Fuchs, leitete einst eine Expedition und entdeckte dabei Teras Grabmal – just an jenem Tag, an dem Margaret geboren wurde. Ihre Verbindung zu Tera scheint also nicht nur optischer Natur zu sein. Je näher Margarets Geburtstag rückt, desto mehr nimmt Tera von ihrem Geist ein. Doch um ihre vollständige Macht wiederherzustellen und ihren alten Körper wiederzubeleben, muss sie erst ihre fehlende Hand sowie einige weitere Artefakte finden, die sich im Besitz von Fuchs früheren Kollegen befinden. Freiwillig wollen sie diese allerdings nicht herausrücken…

Ein etwas wirrer Film mit ein paar kleineren Längen. Ziemlich plump und klischeehaft – es bleibt einem nichts erspart; langes Okkult-Gesabbel, Wahrsagerinnen, Irrenanstalten –, streckenweise immerhin atmosphärisch. You’re trying too hard, without much inspiration. Kein großer Wurf, aber schaubar. 5 / 10

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Knisternde Erotik.

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Dort ließe es sich bestimmt gut leben – ohne die gestörten Bewohner.

Die Dämonen der Seele sind es, die den Baron Zorn umtreiben, der wiederum quält sein Umfeld mit seinen Wahnideen. Womit er bereits seine Frau in den Suizid trieb. Kein Wunder also, dass seine zwei Kinder – psychisch wie physisch misshandelt und auf dem abgelegenen Anwesen gefangen – auch schon etwas crazy in the coconut sind, wie der seriöse Psychiater sagen würde… Als immer mehr Frauen aus der Umgebung verschwinden, dauert es nicht lange, bis der Verdacht auf den Baron fällt.

Ich will bewusst nicht zu viel des Inhalts verraten, der Film bietet eine intensive Atmosphäre und ein paar Überraschungen, die am besten wirken, wenn man kalt hineingeworfen wird. Optisch ein echter Leckerbissen. Keine auffällig billig wirkenden Studiosets wie bei Frankenstein und Dracula. Ein eindrucksvolles Anwesen und nette Außenareale, im Kontrast zur allgegenwärtigen Aura des Irrsinns und der Bedrohung. Der Film kann zur Abwechslung völlig ohne Übernatürliches gedeutet werden und liefert selbst einen psychologischen Ansatz, den man vielleicht etwas zu sehr ins Gesicht gerieben bekommt, doch Subtilität ist auch nicht gerade die Stärke der 70er Jahre Hammer Filme. Teils schön und stimmungsvoll, teils hysterisch und erratisch, aber immer noch recht wirksam. 6,5 / 10

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Dieser Milchbart macht mich fertig…

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Party Animal Brenda.

Noch Ehe der Morgen graut zieht die naive Brenda in die große Stadt, um dort einen passenden Traumprinzen zu finden, der ihr ein Kind machen soll. Sie ergattert zwar schnell einen Job und einen WG-Platz, doch findet sie weder mit den reservierten Londonern auf der Straße noch mit den Hippies in ihrem Arbeitsumfeld eine Ebene. Bis sie auf Peter stößt, und beschließt, dem Glück auf die Sprünge zu helfen. So bringt sie Peter seinen ausgebüchsten Hund zurück – den sie zuvor entführt hatte…
Merkwürdig sind beide, sie haben Probleme, sich in der Erwachsenenwelt zurecht zu finden und verlieren sich gerne in Fantasiewelten, doch Peter – der eigentlich Clive heißt und sich nach Peter Pan umbenannt hat – scheint sich schon zu weit von der Realität entfernt zu haben. Dass Brenda so zügig bei ihm einzieht und sich von ihm abhängig macht, könnte sich als großer Fehler erweisen…

Hatten die Dämonen der Seele noch unverkennbare Wurzeln im Gothic Horror, haben wir es hier mit einem zeitgenössischen Psycho-Thriller/Drama zu tun. Sehr interessant und kreativ inszeniert. Die ersten 20 Minuten z.B. als Collage mit schnellen Schnitten und Eindrücken, die ein wenig wie eine Sozialstudie der 70er wirkt und zugleich Einblick in das Leben und die Gedankenwelt unserer beiden Protagonisten gibt. Erst als sich die beiden gefunden haben, wird das Tempo zurückgenommen, wie auch die musikalische untermalung reduziert wird, man spürt förmlich das schleichende Unheil.
Dazu eine gute Besetzung. Rita Tushingham ist wie geschaffen für die Rolle; sie wirkt immer etwas seltsam, nervös und deplatziert, doch nicht unsympathisch und man fühlt mit ihr. Shane Briant darf, wie schon bei den Dämonen, überzeugend einen auf Psycho machen, diesmal etwas nuancierter und ohne lächerlichen Milchbart. 7,5 / 10

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Geht doch nichts über eine gesunde Beziehung…

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Die Bäume tragen seltsame Früchte.

Furcht in der Nacht (und eigentlich auch am Tag) hat Peggy seit dem sie zu Hause überfallen und bis zur Ohnmacht gewürgt wurde. Da keine Spur zu finden ist und sie zuvor schon einen Nervenzusammenbruch hatte, tun dies alle als Fantasie einer labilen Frau ab und sie beginnt selbst schon daran zu zweifeln. Ein Tapetenwechsel sollte ihr gut tun, sie war ohnehin gerade im Begriff, mit ihrem Ehemann umzuziehen, der hat einen neuen Job als Lehrer auf einer Privatschule und bekommt vom Direktor ein Haus auf dem Grund der Schule gestellt. Doch der Würger mit den schwarzen Handschuhen attackiert sie auch dort.

Auch hier will ich nicht zu viel verraten, da man sich sonst den Spaß verdirbt – wenn man überhaupt bis zum besseren Teil durchhält. Denn die ersten 60 Minuten gestalten sich trotz netter Location und guter Darsteller als weitestgehend dröge und langwierig, man hätte das Vorgeplänkel problemlos um gut ein Drittel der Laufzeit straffen können. Doch dann kommen endlich einige nette Twists, teils etwas an den Haaren herbeigezogen, aber durchaus effektiv, nachdem man ewig eingelullt wurde, und herrlich fies. Das allein reicht noch nicht für einen wirklich guten Film, der außerdem kaum einen Wiederschauwert aufweist, wenn man das Finale erst kennt. 5 / 10

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„Don’t mind me, young woman. Just a little hair fetish – not creepy at all…“

Technisches / Ausstattung / Fazit

Technisch gibt es nicht viel zu kritisieren. Die Bildqualität ist ordentlich, vermutlich wurde etwas gefiltert, aber alles im Rahmen. Die Bitrate liegt bei 30 Mbps herum.
Die deutsche sowie die englische Tonspur liegt in DTS-HD MA 2.0 vor. Auffällig ist der schwankende deutsche Ton bei Frankenstein, manche Passagen sind deutlich dumpfer.
Zu jedem Film existiert eine 15-20 minütige Featurette, bei der Experten und Beteiligte zu Wort kommen. Bei manchen Filmen ist außerdem der Originaltrailer dabei. Die Filme haben optionale deutsche und englische Untertitel, die Extras sind allerdings nicht untertitelt.
Das Ganze kommt in einem dünnen Pappschuber, in dem die dünnen Amarays (jeweils mit Wendecover) stecken.

Offensichtlich ist das keine Best-of Hammer Box. Doch von einer Ramschbox kann man auch nicht sprechen – weder inhaltlich noch technisch. Man bekommt eine ausgewogene Mischung aus Geheimtipps und mittelmäßigen Filmen zu einem fairen Preis, mit solider Qualität und sogar brauchbaren Extras.


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